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Wieder auf null

Azubi Rainer Brandmeier über seine rätselhafte Augenkrankheit und das Gefühl, noch mal neu beginnen zu müssen

April 2016 – Eigentlich hätte es für Rainer einfach nur so weiterlaufen müssen: Schule fertig, Ausbildung zum Metallbauer, drittes Lehrjahr, Führerschein so gut wie in der Tasche und dann irgendwann bei Audi anfangen. Das wollen viele in Ingolstadt.

Ein kleines Missgeschick bringt alles ins Wanken. Rainer fällt die Bohrmaschine herunter. „Ich habe dann drei, vier Minuten am Boden gehockt und nach ihr gesucht. Dabei lag sie direkt vor mir. Da wusste ich, dass mit meinen Augen etwas nicht stimmt.“ Er ging zum Augenarzt.

Renititis pigmentosa – der Arzt traute sich nicht, ihm diese Diagnose mitzuteilen. Er sprach nur mit Rainers Mutter. Die versuchte ihm auf der Rückfahrt zu erklären, was sie selbst in diesem Moment kaum begriff: Die Krankheit zerstört die Netzhaut, Rainer wird immer schlechter sehen, vielleicht blind werden, eine Heilung ist derzeit nicht möglich. Oft verläuft die Krankheit schubweise, wann die Schübe kommen und wie viel sie kaputtmachen, kann man nicht sagen.

Ohne Arbeit

Das Leben zieht die Handbremse und Rainer ist zunächst verbittert: „Ich wollte erst mal keinen treffen und alleine damit klarkommen“, erzählt er. „Alles, was ich mir aufgebaut habe, musste ich abbrechen. Da war ich 18 Jahre." Vor allem das Aus für seine Lehre macht ihn noch heute sauer: „Es ist einfach so, dass man mit einer Metaller-Lehre bei Audi gute Chancen auf einen Job hat. Außerdem habe ich ja eigentlich noch ganz gut gesehen.“ Doch seinem Chef war die Weiterbeschäftigung zu riskant.

Und nicht nur ihm. „Die Arbeitsagentur hat keinen Job für mich gefunden. Aber ich wollte unbedingt arbeiten!“, erinnert sich Rainer. Zu der Zeit war sein Sichtfeld noch kaum eingeschränkt. „Deswegen kam ich am Anfang mit der Krankheit gut klar.“

Neustart im Berufsförderungswerk

Hilfe kam von der Deutschen Rentenversicherung: Sie zahlt Rainer eine neue Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation am Berufsförderungswerk Würzburg. „Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben“ nennt die Rentenversicherung es, wenn sie Menschen nach einer Krankheit oder infolge einer Behinderung eine neue berufliche Perspektive bietet. Eine solche Leistung zahlt die Deutsche Rentenversicherung in der Regel im Anschluss an eine medizinische Reha.

Hier in Würzburg lebt er derzeit. 200 Kilometer weit weg von Ingolstadt, seinen Freunden, seiner Familie und dem Traumziel Audi. Dennoch ist Rainer erleichtert. Endlich wieder eine Perspektive – und er darf arbeiten!

Zudem trifft er Menschen, die ihn verstehen: „Hier haben bestimmt 80 Prozent meine Krankheit.“ Und im Berufsförderungswerk ist man auf Renititis pigmentosa spezialisiert: Auch wenn Rainer es jetzt noch nicht braucht, lernt er Blindenschrift und den Umgang mit Hilfsmitteln, wie etwa Bildvergrößerern. Auch der Umgang mit gängiger Bürosoftware ist mit einiger Übung selbst blind möglich. Und die immer bessere Technik in Computern und Smartphones hilft ihm: Rainers Handy verfügt über eine Spracheingabe – mühsames Tippen auf kleinen Tasten muss nicht sein.

Für die Fitness in den Keller

Doch eine Unsicherheit bleibt: „Jeder andere kann sein Leben so halbwegs planen – ich nicht. Ich weiß nicht, ob ich in zwei Monaten plötzlich blind bin. Das macht mir auch heute noch Angst“, gibt Rainer offen zu: „Trotzdem habe ich hier gelernt, Schritt für Schritt voranzugehen.“ Er fühlt sich gut gerüstet für das, was kommen kann, aber nicht muss. „Hier im Berufsförderungswerk habe ich Menschen mit derselben Krankheit kennengelernt, deren Augen sich seit Jahrzehnten nicht verschlechtert haben.“

Egal was passiert, er wird sich durchboxen. Wie zum Beweis lässt Rainer am Nachmittag seine Fäuste gegen einen Sandsack krachen. Von allen Sporteinrichtungen ist der Fitnesskeller im Berufsförderungswerk Würzburg sein liebster Platz. Nicht weil er Frust abbauen will, sondern um fit zu bleiben.

Nur kein Mitleid

Und nein, unglücklich ist er nicht – diese Unterstellung nervt. „Das glauben immer nur Menschen, die keine Behinderung haben. Guckt euch um: Hier im Berufsförderungswerk ist keiner unglücklich, nur weil er sehbehindert ist“, sagt Rainer. Mag sein, dass die Krankheit ihm die Augen kaputtmacht, aber nicht ihn. Und noch etwas: Mitleid geht gar nicht: „In den Arm nehmen und mir sagen, wie leid ich jemandem tue – es gibt nichts Schrecklicheres.“

 

 

 

 

#Berufsförderungswerke: Hier erhalten Menschen mit Behinderungen oder nach Erkrankungen eine neue Ausbildung oder werden geschult, wie sie mit ihren Einschränkungen wieder arbeiten können. Die Kosten dafür können die Bundesagentur für Arbeit oder die Deutsche Rentenversicherung übernehmen.

#Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, #Behinderung, #Ausbildung

 

 

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